swiseSWISE 050310 015SWISE 050310 008

Beitrag 126.3

Erträge und offene Fragen der Biografieforschung zum Lehrberuf

 

Unser Beitrag fragt nach dem aktuellen Forschungspotential der biografieanalytischen Forschungen zum Lehrberuf. Dazu wird die inzwischen sehr reichhaltige und weit verzweigte Tradition einschlägiger Forschungsrichtungen gesichtet. Darunter findet sich auch die These, dass die Biografieforschung zum Lehrberuf einen hohen "Sättigungsgrad" erreicht hätte (Terhart 2014, S. 339). Wir wollen diese These kritisch prüfen und die eigene Annahme entwickeln, dass sich noch unausgeschöpfte Potentiale identifizieren lassen.

Den empirischen Bezug bildet die Erkenntnislage der biografietheoretischen und biografieanalytischen Forschungen zum Lehrberuf. Darzulegen, welche Verallgemeinerungen trotz einer grossen Forschungsheterogenität (an Forschungsfeldern und an Methoden) gegenwärtig möglich sind, ist ein Ziel, das wir bis zum Zeitpunkt des Vortrages erreichen und auf der Tagung vorstellen wollen.

Wir haben einen grossen Korpus der einschlägigen Literatur inklusive diverser Übersichtsartikel zusammengestellt und sichten ihn im Hinblick auf jene Konzepte, mit denen die Forschungserträge bislang auf allgemeine Gültigkeit hin formuliert sind. Eines der Konzepte mit dem unseres Erachtens weitreichendsten Generalisierungsgehalt ist das der "Biografizität" von Peter Alheit (Alheit 2008; 2010). Mit "Biografizität" ist die Fähigkeit bezeichnet, Ereignisse sinnhaft in den individuellen Lebenslauf zu integrieren – laut Alheit nicht lediglich eine Möglichkeit, sondern ein Erfordernis der modernen, strukturell auf Individualität ausgerichteten Gesellschaft. Bezogen auf pädagogische Berufe und pädagogisches Handeln generell wirkt das Erfordernis der Biografizität doppelt und in diesem Sinne reflexiv. Nicht nur sind die Lehrerinnen und Lehrer zur Biografisierung ihrer eigenen Lebens- und Berufserfahrungen angehalten. Vielmehr zeichne sich die Professionalität ihres pädagogischen Handelns genau dadurch aus, dass sie die Biografizität der Adressaten ihres Handelns – der Kinder, Schüler, Studierenden und Weiterbildungswilligen – berücksichtigt und fördert. „Das Pädagogische“ einer Biografie zeigt sich in ihrer biografischen Reflexivität.

Eine offene, bislang nicht ausgeschöpfte Möglichkeit der biografietheoretischen Professionsforschung sehen wir darin, die reflexive Figur der "Biografizität" im Hinblick auf die Organisationsabhängigkeit des modernen Lebenslaufes auszuweiten. Das betrifft nicht nur die Abhängigkeit von arbeitgebenden Organisation zur Sicherung des eigenen und des familiären Einkommens, sondern sämtliche Lebensbereiche, in denen es auf Versorgung ankommt (vom Krankenhaus über Einkaufsläden und Transportunternehmen bis hin zu Versicherungen aller Art). Untersuchenswürdig erscheint uns, wie diese Organisationsabhängigkeit in pädagogischen Biografien thematisch wird und reflexiv in die adressatenbezogenen, pädagogischen Orientierungen einfliesst.

 

Literatur

Alheit, P. (2008). ‘Biografizität’ als Schlüsselkompetenz in der Moderne. In S. Kirchhof, & W. Schulz (Hrsg.), Biografisch lernen und lehren (S. 15-28). Flensburg: Flensburg University Press.

Alheit, P. (2010). Identität oder “Biographizität”? Beiträge der neueren sozial- und erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung zu einem Konzept der Identitätsentwicklung. In B. Griese (Hrsg.), Subjekt - Identität - Person? Reflexionen zur Biographieforschung (S. 219-249). Wiesbaden: VS.

Helsper, W., Busse, S., Hummrich, S., & Kramer, R. (Hrsg.) (2007), Pädagogische Professionalität in Organisationen. Neue Verhältnisbestimmungen am Beispiel der Schule. Wiesbaden: VS.

Krüger, H. & Marotzki, W. (Hrsg.) (2006), Handbuch erziehungswissenschaftliche Biographieforschung. Wiesbaden: VS.

Terhart, E. (2014). Forschung zu Berufsbiographien von Lehrerinnen und Lehrern: Stichworte. In E. Terhart, H. Bennewitz, & M. Rothland (Hrsg.), Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf (S. 339-342). Münster: Waxmann.

Terhart, E., Bennewitz, H., & Rothland, M. (Hrsg.) (2014). Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf. Münster: Waxmann.