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Beitrag 126.1

Die Bedeutung von Reflexivität für die Schulpraxis

 

Im Beitrag werden Befunde einer Studie präsentiert, in deren Mittelpunkt die Frage stand: Wie entfalten Lehrpersonen in ihrer Auseinandersetzung mit beruflichen Anforderungen ein professionelles Selbstkonzept. Der Begriff ‚professionelles Selbstkonzept‘ bezeichnet hier jene Erfahrungen, die Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungspraktiken von Lehrpersonen strukturieren und somit ihre Haltung zur Profession und zu sich selbst beeinflussen (Freisler-Mühlemann & Paskoski, 2016).

Anfang der 1990er Jahre führten theoretische und empirische Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie und der Bildungssoziologie zu einem Aufschwung der Biografieforschung (Krüger & Marotzki, 2006). Ausschlaggebend dafür war die Vorstellung von Professionalität als (berufs-)biografischer Entwicklungsprozess (Messner & Reusser, 2000). Komplementär hierzu sehen strukturtheoretische Ansätze der Bildungssoziologie, die Professionalität im Bildungskontext mit diffusen und teils widersprüchlichen Anforderungen und mit spezifischen Haltungen konfrontiert sehen (Helsper, 2002). Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen mündete in einem Professionalitätskonzept, das sich dem Verhältnis von Biografie, Berufsbiografie und professionellem Habitus widmet. So bilden diesem Konzept zufolge der reflektierte Umgang mit Widersprüchen im Berufsalltag und die Selbstreflexion der eigenen Entwicklung darin den Kern von Professionalität (Terhart, 2011). Diesem Konzept folgend gehen wir davon aus, dass Lehrpersonen in ihren selbstreflexiven Prozessen auf soziale Diskurse und Normen zurückgreifen, um ihr professionelles Selbstkonzept zu beschreiben (Freisler-Mühlemann & Paskoski, 2018), und dass sich anhand der Rekapitulation und Reflexion von Berufserfahrungen professionsrelevante Selbstkonzepte und Haltungen beschreiben und typologisieren lassen.

Das Studiensample setzt sich aus sechzehn Lehrpersonen zusammen, die mit narrativen Interviews zu ihren Berufserfahrungen befragt wurden. Ausgewertet wurden die Interviews mit der Narrationsanalyse (Schütze, 1984): formale Textanalyse, strukturelle und inhaltliche Beschreibung, analytische Abstraktion, Wissensanalyse und kontrastive Fallvergleiche. Auf der Ebene der Wissensanalyse wurde darauf geachtet, wie und mit Hilfe welcher Diskurse und Normen das professionelle Selbstkonzept artikuliert und in die Biografie integriert wurde.

An der Tagung werden zwei Fallbeispiele vorgestellt, die kontrastreiche Muster im Umgang mit Professionalität und Biografie illustrieren: Ein verträglicher Typus, der auf reflektierte Weise mit Paradoxien des Lehrberufs und sich selber umgeht, steht einen ambivalenten Typus gegenüber mit einem unsicheren Verhältnis zur eigenen Profession und seiner Person. Beide Muster machen deutlich, wie eng das professionelle Selbstkonzept an die Biografie der Lehrperson gebunden ist. In der Diskussion sollen die Plausibilität der Muster und der Typologie dieser Selbstkonzepte sowie die Relevanz der Biografieforschung für die Lehrerinnen- und Lehrerbildung thematisiert werden.

 

Literatur

Freisler-Mühlemann, D., & Paskoski, D. (2018). Reflexive Haltung zentral für die Schulpraxis. Vpod bildungspolitik, 205, 19-21.

Freisler-Mühlemann, D., & Paskoski, D. (2016). Professionelles Selbstkonzept und Biografie von Lehrpersonen der Volksschule – ein Fallvergleich. Beiträge zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung, 34 (1), 109-122.

Helsper, W. (2002). Lehrerprofessionalität als antinomische Handlungsstruktur. In M. Kraul, W. Marotzki, & C. Schwepp, (Hrsg.), Biographie und Profession (S. 64-102). Bad Heilbrunn: Kinkhardt.

Krüger, H.H., & Marotzki, W. (2006). Handbuch erziehungswissenschaftliche Biographieforschung. Wiesbaden: VS.

Messner, H., & Reusser, K. (2000). Die berufliche Entwicklung als lebenslanger Prozess. Beiträge zur Lehrerbildung, 18 (2), 157-171.

Schütze, F. (1984). Kognitive Figuren des autobiographischen Stegreiferzählens. In M. Kohli, & R. Günther (Hrsg.), Biographie und soziale Wirklichkeit. Neue Beiträge und Forschungsperspektiven (S. 78–117). Stuttgart: Metzlersche.

Terhart, E. (2011). Lehrerberuf und Professionalität. Gewandeltes Begriffsverständnis – neue Herausforderungen. Zeitschrift für Pädagogik, Beiheft 57, 202-224.