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Beitrag 134.1

Identitätsbildung als Transformationsprozess und Entwicklungsaufgabe


Berufliche Identitätsbildung wird in verschiedenen Konzeptionen, die sich mit Professionalisierung von Lehrpersonen befassen, unterschiedlich gerahmt. Im Entwicklungsaufgabenkonzept verweist die Aufgabe der „Rollenfindung“ auf die Entwicklung einer beruflichen Identität. Darin enthalten ist die Anforderung, die eigenen Kompetenzen zur Bewältigung beruflicher Erfordernisse einzusetzen, eigene Schwächen und Grenzen anzuerkennen und darin Anlässe der eigenen Weiterentwicklung zu sehen, mit Ressourcen hauszuhalten sowie einen persönlichen Stil als Lehrperson herauszubilden (vgl. Keller-Schneider & Hericks 2011, Hericks 2006). Eine besondere Anforderung liegt in der Ausbalancierung des Verhältnisses von Person und Rolle (Oevermann 1996) und im Austarieren der antinomischen Struktur des Lehrerhandelns (Helsper 2001). Alle diese nicht-standardisierten Handlungsanforderungen erfordern von Lehrpersonen eine Risikobereitschaft, sich dem „Wagnischarakter“ (Combe 2005, 70) unterrichtlicher Situationen sowie dem Aufbrechen bestehender Welt- und Selbstverhältnisse auszusetzen. Zugleich verweist das Habituskonzept auf die Herausbildung eines Berufshabitus als „Amalgam von Milieu- und beruflich spezifizierten Feldanforderungen“ (Helsper 2018) bei gleichzeitiger Wirkungsmächtigkeit des Herkunftshabitus und des Schülerhabitus. In letzterem sind bereits jene pädagogischen Orientierungen eingelagert, die später im Lehrerhabitus wirksam werden. Dieser entwickelt sich in mehreren Etappen von Studium über (Referendariat und) Berufseinstieg bis in die mehrjährige Berufstätigkeit hinein.

Helsper unterscheidet jedoch das Begriffspaar Lehrerhabitus und professioneller Habitus. Nur letzterer repräsentiert das, was wir Professionalität nennen: gemeint ist ein aus dem oben angedeuteten Bildungsprozess heraus sich entwickelnder wissenschaftlich-reflexiver, forschender Habitus.

Die aktuelle Herausforderung der Bildungswissenschaften liegt nun darin, einen empirischen Zugang zu jenen möglichen Transformationsprozessen zu finden, die bei (angehenden) Lehrpersonen durch Studium und Praxisfeldkontakte bzw. Berufstätigkeit angeregt werden. Die dokumentarische Methode (Bohnsack 2013) hält hierfür einen adäquaten methodologischen und methodischen Zugang bereit, um die handlungsleitenden Orientierungen, also den Habitus zu rekonstruieren und zugleich auf der expliziten Ebene normative Vorstellungen zu erfassen. Im Beitrag werden fallbasiert Entwicklungsverläufe junger Lehrpersonen nachgezeichnet, um die Stabilität pädagogischer Orientierungen einerseits und den Radius möglicher Transformationen andererseits zu präzisieren. Diese werden vor dem Hintergrund der Frage nach einer möglichen professionellen Entwicklung beleuchtet.

 

Literatur

Bohnsack, R. (2013). Dokumentarische Methode und die Logik der Praxis. In: A. Lenger, Ch. Schneickert & F. Schumacher (Hrsg.), Pierre Bourdieus Konzeption des Habitus (S. 175–200). Wiesbaden: Springer VS.

Combe, A. (2005). Lernende Lehrer - Professionalisierung und Schulentwicklung im Lichte der Bildungsgangforschung. In: B. Schenk (Hrsg.), Bausteine einer Bildungsgangtheorie (S. 69–90). Wiesbaden: VS.

Helsper, W. (2001). Praxis und Reflexion. Die Notwendigkeit einer doppelten Professionalisierung des Lehrers. Journal für Lehrerinnen- und Lehrerbildung, 1(3), 7–15.

Helsper, W. (2018). Lehrerhabitus. In A. Paseka, M. Keller-Schneider & A. Combe (Hrsg.), Ungewissheit als Herausforderung für pädagogisches Handeln (S. 105–140). Wiesbaden: Springer VS.

Hericks, U. (2006). Professionalisierung als Entwicklungsaufgabe. Wiesbaden: VS.

Keller-Schneider, M. & Hericks, U. (2011). Beanspruchung, Professionalisierung und Entwicklungsaufgaben im Berufseinstieg von Lehrerinnen und Lehrern. Journal für Lehrerinnen- und Lehrerbildung, (11)1, 20–31.

Oevermann, U. (1996): Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionalisierten Handelns. In: A. Combe & W. Helsper (Hrsg.), Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns (S. 70-182). Frankfurt am Main: Suhrkamp.