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Beitrag 133

Alternative Wege für Quereinsteigende? Praxisporträt eines Studienmodells 30+

 

Zielsetzung und Fragestellung

Wie lässt sich ein Studium gestalten, das an Ressourcen von Quereinsteigenden anschliesst, bei den zu erreichenden Kompetenzen keine Abstriche macht? Ausgehend von diesen Fragen hat das Institut NMS Bern im Jahr 2013 das Studienmodell 30+ entwickelt. Dieses wird vorgestellt und ausgehend von konzeptuellen Entwürfen und empirischen Befunden begründet.

Bezugspunkte und Vorgehen

Zum Studienmodell werden Quereinsteigende ab 30 Jahren zugelassen, die die Zugangsvoraussetzungen der PHBern erfüllen und das spezifische Assessment des Instituts NMS bestehen. Das Assessment umfasst einen Testteil, die Durchführung einer praktischen Lehrsequenz und ein Auswertungsgespräch. Das Studienmodell 30+ beginnt nach einer Einführungsphase mit einem 10-wöchigen „Praxissemester“ an einer Klasse unter Anleitung einer Praxislehrperson. Die Studierenden werden in die Berufsaufgabe eingeführt, assistieren der Praxislehrperson, machen Lehrerfahrungen und belegen parallel dazu Lehrveranstaltungen am Institut. Wer dieser Doppelbelastung von Praxistätigkeit und Studium gewachsen ist und Kompetenzen in Bezug auf Unterrichtsgestaltung und Klassenführung nachweisen kann, wird definitiv ins Studienmodell 30+ aufgenommen.

Ab dem 2. Studienjahr übernehmen 30+-Studierende parallel zum Studium eine Anstellung bis 40%. Diese selbstverantwortete Unterrichtstätigkeit gilt anstelle der Praktika als Teil des Studiengangs und wird vom Institut begleitet und beurteilt. Als zusätzliches, vertiefendes Studienelement ist jedes Semester ein angeleitetes Praktikum von 30 Lektionen zu absolvieren.

Durch seine Struktur beschreitet das Studienmodell 30+ neue Wege: bereits während der Ausbildung werden die 30+Studierenden zu mitverantwortlichen Beteiligten im Schulfeld und machen Lernerfahrungen unter Realbedingungen. Anders als in herkömmlichen Praktika, in denen eine Art „Theorieanwendung“ erwartet wird, entwickeln 30+Studierende ihr professionelles Können und Wissen durch Erfahrung, deren Reflexion und den gleichzeitigen Begriffs- und Konzepterwerb. Für dieses Arrangement der „Kopräsenz von Erfahrung und Verbegrifflichung“ (Neuweg 2013), das „Parallelisierungskonzept“ (ebd.), sprechen empirische Arbeiten zur Struktur von Studiengängen: Erfahrung aus parallelen Praxisphasen begünstigen die Prozesse der Wissenskonstruktion und des Erwerbs von Handlungskompetenz (Baer et al. 2001).

Mit der Kombination von angeleiteten Phasen und selbstverantworteter Unterrichtstätigkeit entspricht das Studienmodell 30+ der von Fraefel (2012) angeregten Kombination von „situierten“ und „strukturierten“ Settings: Phasen der realen Berufsarbeit im Feld in Kombination mit angeleiteten Phasen zum Aufbau professioneller Handlungsmuster.

Befunde

Nach fünf Jahren der Durchführung liegen erste Erfahrungen zum Studienmodell 30+ vor: Das Modell stellt hohe Anforderungen in Bezug auf Belastbarkeit, Selbstständigkeit und Selbstmanagement. Beratung in der Studienplanung ist ein wichtiger Erfolgsfaktor. Das „Parallelisierungskonzept“ begünstigt im Urteil der 30+Studierenden den Kompetenzerwerb.

Diskussion

Chancen und Risiken des Studienmodells 30+ und Möglichkeiten der Weiterentwicklung werden besprochen.

 

Literatur

Baer, M., Beck, E., Brühwiler, Ch., Guldimann, T., Niedermann, R. & Zutavern, M. (2001). Unterrichten lernen. Beiträge zur Lehrerbildung, 19 (1), 62-81.

Fraefel, U. (2012). Berufspraktische Studien und Schulpraktika: Der Stand der Dinge und Neuorientierungen. Beiträge zur Lehrerbildung, 30 (2), 127-152.

Neuweg, G.H. (2013). Lehrerinnen- und Lehrerbildung durch Wissenschaft Zur Vielschichtigkeit einer zeitgenössischen Einigungsformel. Beiträge zur Lehrerbildung, 31 (3), 301-309.

Stadelmann, Martin; Wettstein Alexander (2016). Das Studienmodell 30+ für Quereinsteigende: ein Portrait. Lehrerbildung auf dem Prüfstand, 9 (1), Themenheft Quereinsteiger, Seiteneinsteiger, berufserfahrene Lehrpersonen (S. 141-152). Landau: Verlag Empirische Pädagogik.