swiseSWISE 050310 015SWISE 050310 008

Beitrag 120

Wie Lehramtsstudierende Klassenführung lernen: Eine Pilotstudie zum Erwerb von Klassenführungsstrategien

 

Problem- und Fragestellung, Zielsetzung

Die Generierung von Wissen und Können rund um Klassenführung bei Lehramtsstudierenden ist im deutschsprachigen Raum kaum systematisch beforscht. So gibt es wenige Studien zu spezifischen Lernarrangements im Lehramtsstudium. Entsprechend der Bedeutung von Klassenführung für erfolgreiches Lernen und Lehren (vgl. Wang, Härtel & Walberg, 1993) ist es wesentlich, dass Lehramtsstudierende bereits in ihrer Ausbildungszeit handlungs- und theoriegeleitet Klassenführung erlernen.

Theoretische und empirische Bezugspunkte

Ausgehend von der Expertiseforschung zum Lehrberuf (z.B. König, 2010) verfügt eine Lehrperson als Expert*in über Wissen und Können, womit die zentralen Anforderungen – und damit auch die Klassenführung – bewältigt werden können. Dementsprechend sind Wissen und Können Fähig- und Fertigkeiten, die erlernt werden können und die prozesshaft immer wieder ineinander greifen und weiterentwickelt werden (z.B. Bromme & Haag, 2008). Dies führt zur Entwicklung einer Lehrkraftexpertise, die sich im Novizen-Experten-Modell nach Berliner (2001, 2004) abbildet.

Methodisches Vorgehen

Dem Modell nach Berliner (2001, 2004) folgend, wurden beginnend mit 2017 fallbasierte Lehr-/Lernarrangements konstruiert und im Rahmen einer Interventionsstudie (N=200) ab WS 17/18 an vier Pädagogischen Hochschulen Österreichs über je ein Studiensemester auf ihre Wirksamkeit geprüft. Untersucht werden die Effekte des Einsatzes von Rollenspielen bzw. videobasierten Trainings. Ferner wird überprüft, inwieweit personale Merkmale diesen Lernprozess beeinflussen. Als Design wurde ein quasi-experimenteller mehrfacher Zeitreihenversuchsplan mit einer nicht randomisierten Kontrollgruppenuntersuchung gewählt. Für die Pre-/Posttests wurde sechs Instrumente zur Erfassung des Wissens zu Klassenführung, zum eigenen pädagogischen Handeln sowie zu verschiedenen Persönlichkeitsdispositionen (Selbstwirksamkeit, Lehrer-Selbstwirksamkeit, Big5, Emotionale Intelligenz) eingesetzt.

Befunde

Die Befunde aus der Erhebung vom WS 2017/18 zeigen: Die Experimentalgruppen haben im Verlauf eines Semesters einen signifikanten Wissenszuwachs im Lehrerwissen zu Klassenführung erworben. Die Ergebnisse sind unabhängig davon, welche Intervention (Rollenspiele oder Videovignetten) eingesetzt wurde. Dagegen weisen die Studierenden der Kontrollgruppen keinen signifikanten Zuwachs im Lehrerwissen zu Klassenführung auf, weder im deklarativen noch im konditional-prozeduralen Wissen.

Diskussion

Nach Ophardt und Thiel (2016) gilt es zum Erlenen der Klassenführung komplexe Lernarrangements mit sich ergänzenden Ansätzen wie theorie-, simulations- und videobasiertem Lernen anzubieten. Die im Rahmen der Studie konstruierten Lehr-/Lernarrangements haben zum Ziel, dass Lehramtsstudierende nach deren Durchlaufen entlang des Novizen-Experten Modells nach Berliner (2001, 2004) Stufe 2 („advanced beginner“) erreicht haben und damit Klassenführungsstrategien erkennen, analysieren und beurteilen können. Die für diese Studie bisher vorliegenden Ergebnisse belegen den signifikanten Zuwachs an deklarativem und konditional-prozeduralem Lehrerwissen zu Klassenführung, wenn die fallbasierten Lehr-/Lernarrangements absolviert werden. Die Studierenden haben sich Kenntnisse erworben, Klassenführungsstrategien zu erkennen, zu analysieren und zu beurteilen. Zu diskutieren ist, inwieweit diese Kenntnisse bereits für den „advanced beginner“ ausreichen und wie die Höhe des Zuwachses einzuordnen ist.

 

Literatur


Berliner, D.C. (2001). Learning abaout and learning from expert teachers. Educational Research 35, 463-482.

König, J. (2010). Lehrerprofessionalität - Konzepte und Ergebnisse der internationalen und deutschen Forschung am Beispiel fachübergreifender, pädagogischer Kompetenzen. In J. König & B. Hofmann (Hrsg.), Professionalität von Lehrkräften - Was sollen Lehrkräfte im Lese- und Schreibunterricht wissen und können? (S. 40-105). Berlin: DGLS.

Wang, M. C., Haertel, G. D. & Walberg, H. J. (1993). Toward a knowledge base for school learning. Review of Educational Research, 63(3), 249-294.