swiseSWISE 050310 015SWISE 050310 008

Beitrag 113

Kündigende Lehrpersonen - belastet, unzufrieden oder die Berufslaufbahn gestaltend?

 

Der Beruf von Lehrpersonen gilt als belastend, wie zahlreiche Studien belegen (Rothland, 2013; Herzog, 2007; Landert, 2006). Doch Belastungserleben und Zufriedenheit schliessen sich nicht aus (Bieri, 2006). Die Fluktuationsrate im Lehrberuf beträgt gemäss Angaben des Bundesamtes für Statistik (BFS, 2009) für Lehrpersonen der Volksschule rund 10% und ist damit mit anderen Berufen vergleichbar. Zudem ist Kündigung nicht mit dem Verlassen des Berufs identisch, da nicht zwischen Arbeitsortwechslern und denjenigen, die das Berufsfeld verlassen, unterschieden werden kann (BFS, 2009). Dennoch hält sich die weit verbreitete Meinung, viele Lehrpersonen, insbesondere Berufseinsteigende, kündigen das Arbeitsverhältnis aus Gründen der Überforderung. Entsprechende Belege, die über Einzelfallberichte hinausgehen, fehlen jedoch.

An diesem Punkt setzt der folgende Beitrag an und untersucht die Frage, aus welchen Gründen Lehrpersonen kündigen, welche Ziele sie damit anstreben, welche Bedeutung Belastung und Überforderung sowie Zufriedenheit und Kompetenzerleben einnehmen und inwiefern sich berufserfahrene und berufseinsteigende unterscheiden. In einem zweiten Schritt wird geprüft, inwiefern sich kündigende und nicht-kündigende Lehrpersonen unterscheiden.

Diese Fragen werden anhand von drei Studien untersucht, in welchen Lehrpersonen unterschiedlicher Berufsphasen mittels Fragebogen befragt wurden. Die Daten wurden mittels Statistikprogramm SPSS varianzanalytisch nach bedeutsamen Unterschieden geprüft, die Antworten der offenen Fragen mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet. Studie I untersucht über offene und geschlossene Fragen Gründe und Ziele der Kündigung von berufseinsteigenden und berufserfahrenen Lehrpersonen (berufseinstteigende und erfahrene), sowie mittels geschossenen Fragen ihr Kompetenz- und Belastungserleben, ihren Umgang mit Anforderungen und Gesundheitsindikatoren (n=130). In einer zweiten Studie, unter Nutzung derselben Instrumente, werden die Daten mit nicht-kündigenden berufseinsteigenden und berufserfahrenen Lehrpersonen verglichen (n=291). In der dritten Studie (n=362) wurden im Rahmen der Schulentwicklungsstudie RUMBA Lehrpersonen ganzer Schulen nach Qualitätsmerkmalen der Schule sowie nach individuellen Merkmalen befragt. Über die Fluktuation im Lehrkörper können kündigende von nichtkündigenden Lehrpersonen unterschieden und bezüglich Ausprägungen von Berufszufriedenheit, Erschöpfung, Berufsmotivation und Coping miteinander verglichen werden.

Ergebnisse aus diesen drei Studien belegen, dass vielfältige Gründe und Ziele für eine Kündigung vorliegen, und dass sich berufseinsteigende und berufserfahrene, sowie kündigende und nichtkündigende Lehrpersonen in ihrem Belastungs- und Kompetenzerleben nicht unterscheiden.

Kündigung stellt somit eine Möglichkeit das, die eigene Berufsbiographie aktiv zu gestalten und vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten zu suchen. Kündigung kann nicht als Folge von Belastung oder Überbelastung gesehen werden und auch nicht als Folge von berufsphasenspezifischen Anforderungen. Die Befunde belegen insbesondere den individuellen Gestaltungsspielraum, der vielfältig genutzt wird.

 

Literatur

BFS (2009). Bildungsperspektiven. Szenarien 2009-2018 für die obligatorische Schule. Bundesamt für Statik (BFS), Neuchâtel.

Bieri, T. (2006). Lehrpersonen: Hochbelastet und trotzdem zufrieden? Bern: Haupt.

Herzog, S. (2007). Beanspruchung und Bewältigung im Lehrberuf. Münster: Waxmann.

Landert, C. (2006). Zufriedenheit der Lehrpersonen. Einblick in erste Ergebnisse. Bern: Tagung "Balancieren im Lehrberuf", 9.12.06.

Rothland, M. (Hrsg.) (2013). Belastung und Beanspruchung im Lehrerberuf. Modelle, Befunde, Interventionen. Wiesbaden: VS.