swiseSWISE 050310 015SWISE 050310 008

Beitrag 111

Das elektronische Kompetenzentwicklungsportfolio als Reflexionsinstrument zu professioneller Identitätsentwicklung im Lehramtsstudium


Problem-, Fragestellung, Zielsetzungen

Die deutsche Kultusministerkonferenz liefert unterschiedliche Anforderungen an den Lehrer*innenberuf. Die Kompetenzbereiche umfassen (1) Unterrichten, (2) Erziehen, (3) Beurteilen (4) Innovieren (vgl. bereits KMK 2004). Die Anforderungsbereiche können, gerade für Berufseinsteiger*innen, eine Überforderung darstellen. Es stellt sich die Frage, wie junge Lehrpersonen hiermit umgehen und eine reflexive professionelle Identität entwickeln. Ein elektronisches Kompetenzentwicklungsportfolio (eKEP) kann als Reflexionsinstrument die professionelle Identitätsentwicklung begünstigen. In diesem Sinne verfolgt das vom BMBF geförderte Teilpaket ‚Beratung und Selbstreflexion’ des Projektes ‚BRIDGES: Brücken bauen’ u.a. das Ziel (Selbst-)Reflexionskompetenzen bereits für Lehramtsstudierende zu verankern.

Theoretische Bezugspunkte

Im Forschungsprogramm Subjektive Theorien (FST) (Groeben et al. 1986) wird – einer konstruktivistischen Perspektive folgend –davon ausgegangen, dass sich jeder Mensch die eigene Welt(-sicht) vor dem Hintergrund sich im Biografieverlauf entwickelnder subjektiver Annahmen und Theorien konstruiert. Dabei handelt die Person für sich betrachtet immer stimmig. Ihr wird prinzipiell das Potential zu Rationalität, Autonomie, Kommunikationsfähigkeit und Reflexivität unterstellt. Die Zielvorstellung des Projekts liegt in einer Steigerung dieser Kompetenzen, um letztlich den beruflichen Anforderungen gerecht zu werden. Im eKEP wird v.a. eine Steigerung des Potentials zu Reflexivität angestrebt. Weitere Gelingensbedingungen für Selbstreflexion sind u.a. in Anlehnung an den Personzentrierten Ansatz nach Rogers (1981), Empathie, Wertschätzung und Kongruenz – fußend auf den theoretischen Grundannahmen des humanistischen Menschenbildes.

Methodisches Vorgehen

Die erste Fassung des eKEP ist implementiert, wird aktuell erprobt und formativ evaluiert. Das Vorgehen und erste Erfahrungen werden im Vortrag erörtert.

Befunde

Die erste Einsatzphase ergab, dass die Studierenden das Angebot gut annahmen. Als Reaktion auf evaluierte Überarbeitungsbedarfe wurde eine neue Version programmiert, die sich noch mehr an den o.g. Gelingensbedingungen orientiert. Nach Rückmeldung der Nutzer*innen ist die Arbeit mit dem eKEP inzwischen mit den Zielvorstellungen und den Gelingensbedingungen stimmig verknüpft. Folgt man Erkenntnissen der Lehr-Lern-Forschung, wie dem erkenntnistheoretischen Konstruktivismus, nachdem z.B. aktiv und eigenständig gelernt und eine zielorientierte Anwendung des Gelernten begünstigt werden soll, kann das Portfolio als Medium reflexiven Lernens (Volkwein 2006) einen wichtigen Beitrag zur Professionalisierung angehender Lehrpersonen leisten.

4. Diskussion

Im Vortrag wird neben den bisherigen Erfahrungen mit dem elektronischen Instrument auch die Diskrepanz zwischen dem konstruktivistischen Ansatz und der notenrelevanten Bewertungsfrage diskutiert. Ein Portfolio will häufig beides leisten; Reflexion fördern und Bewertungsgrundlage sein (vgl. Brunner, Häcker, Winter 2006; Pineker, Störtländer 2013). Doch besteht eine Scheu, Reflexionsprozesse zu bewerten. Folglich sind Portfolios oft – wie derzeit in Vechta – unbenotet. Andererseits ist es schwierig, eine intrinsische Motivation bei den Studierenden zu wecken, wenn keine Bewertung erfolgt (vgl. Himpls-Gutermann, Groißböck 2013). Weiterhin sind die Ziele von Portfolioarbeit, v.a. die Vertiefung von Reflexion, nicht leicht zu operationalisieren (vgl. Koch-Priewe 2013). Vielmehr ist einer der wichtigsten Faktoren für einen hohen Lernerfolg ein regelmäßiges, kritisch-konstruktives Feedback, denn das Portfolio entfaltet erst in der formativen, prozessorientierten Variante seine ganze Stärke (Himpsl-Gutermann 2011). Daher wird auch die Portfoliobegleitung thematisiert.

 

Literatur

Brunner, I.; Häcker, T.; Winter, F. (2006): Das Handbuch Portfolioarbeit: Konzepte, Anregungen, Erfahrungen aus Schule und Lehrerbildung, Seelze: Klett.

Groeben, N., Wahl, D., Schlee, J. & Scheele, B. (1986). Das Forschungsprogramm Subjektive Theorien: eine Einführung in die Psychologie des reflexiven Subjekts. Tübingen: Francke.