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Beitrag 109

„Aus der Not heraus, aber kein Notprogramm – Der sächsische Weg von SeiteneinsteigerInnen in den Schuldienst“

 

In den Neuen Bundesländern sind Einsatz und Qualifizierung von Seiteneinsteiger*innen im Lehramt unentbehrliche Bausteine der Personalbeschaffung und Flexibilisierung in Zeiten des Lehrermangels. Der Freistaat Sachsen ist das erste Bundesland in Deutschland, das diese Herausforderung konzeptionell und infrastrukturell in größerem Stile annimmt. Auswahl und Qualifizierung von Seiteneinsteiger*innen werden dabei systematisch weiterentwickelt. Diese Veränderungsaufgabe stellt an lehrerbildenden Hochschulen enorme Anforderungen. Nicht nur, dass für die speziellen Rahmenbedingungen neue Curricula entwickelt werden müssen. Es gilt im engen und zügigen Zusammenwirken mit verschiedenen Akteuren, eine höchst heterogene Zielgruppe in die universitäre Lehrerbildung zu integrieren. Von allen Lehrerbildnern aber auch von den Seiteneinsteiger*innen selbst erfordert das einen kontinuierlichen Lernprozess und eine hohe Ambiguitätstoleranz. Die Angebotsentwicklung warf umgehend Fragen zum Umgang mit der Heterogenität in der Studierendenschaft und deren unterschiedlichen Ansprüche bspw. an den Theorie-Praxis-Transfer oder in der Kompetenzentwicklung auf.

Aus Pilotprojekten, die seit 2013 an sächsischen Universitäten durchgeführt wurden, liegen erste formelle Evaluationsergebnisse vor, die aufzeigen, dass Seiteneinsteiger*innen in Vorwissen, pädagogischen Einstellungen (beliefs), Stressbewältigung und Studienmotivation andere Merkmale aufweisen, als grundständige Lehramtsstudierende. Zudem scheint die veränderte Studienstruktur mit einer veränderten Rezeption der Lerninhalte zusammenzuhängen. Zur wissenschaftlichen Erfassung des Gegenstandes werden neben erwachsenendidaktischen Modellen auch Theorien der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften bemüht. Insbesondere, weil Seiteinsteiger*innen auch Teil eines Lehrerkollegiums sind und die Qualifizierung als Personalentwicklung begriffen wird, kann die Entwicklung der Seiteneinsteiger*innenqualifizierung mit einem challenge-response-Modell oder Coping-Modell erklärt und mit New-Public-Management-Instrumenten begleitet werden. Offen ist, ob bildungswissenschaftliche Governance-Modelle einen Beitrag zur Systematisierung des Gegenstandes leisten können.

Der Vortrag wird nach einen knappen Fact-Briefing die Daten und Evaluationsergebnisse der sächsischen Seiteneinsteigerqualifizierung aus Perspektive eines wissenschaftlichen Projektmanagements einordnen. Dabei werden wir versuchen, die Phänomenologie der sächsischen Seiteneinsteiger*innenqualifizierung aus Perspektive eines erwachsenendidaktischen Modells sowie eines wirtschaftswissenschaftlichen Steuerungsmodell zu erklären.: Zielgruppenanalyse, Studieneingangsvoraussetzungen, Zielbeschreibung der Qualifizierung, Zulassung und Auswahlprozess, Curriculum und Lehr-Lernformen, Studienorganisation, Beratung und Begleitung, Stakeholdermanagement, Auswahl und Qualifizierung der Lehrenden, Output, Outcome, Übergangsmanagement (in den Beruf bzw. Vorbereitungsdienst).

In der Diskussion soll insbesondere der Fokus auf die Anwendbarkeit dieser und anderer Theorien auf die Seiteneinsteiger*innenqualifizierung aus Forschungsperspektive gelegt werden. Die Generierung von Fragestellung und Hypothesen können und sollen wertvolle Impulse auf avisierte Forschungsvorhaben an der Universität Leipzig bzw. zur Verbundforschung liefern.

 

Literatur

Benjamin B. et al. (2018): Drei Phasen. Die Debatte zur Qualitätsentwicklung in der Lehrer_innenbildung. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag (Materialien aus Hochschule und Forschung, 124).

OECD (2018): Effective Teacher Policies. INSIGHTS FROM PISA: OECD.
Puderbach, R./ Stein, K./ Gehrmann, A. (2016): Nicht-grundständige Wege in den Lehrerberuf in Deutschland – Eine systematisierende Bestandsaufnahme. In: Lehrerbildung auf dem Prüfstand, 9. Jahrgang, Heft 1. Landau: Verlag Empirische Pädagogik, S. 5-31.

Terhart, E. (2010): Personalauswahl, Personaleinsatz und Personalentwicklung an Schulen. In: Herbert Altrichter und Katharina Maag Merki (Hg.): Handbuch Neue Steuerung im Schulsystem. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden (Educational Governance, 7), S. 255–276.